Die vereinsamte Bank

  • Seit über zwei Jahren führt mich mein Heimweg durch einen kleinen, stillen Park. Seine besinnliche Stille ist eine labende Oase inmitten den Großstadtlärms. Es war wie jeden Abend, kurz vor fünf Uhr, als ich von der Goethestraße kommend, nach links auf den breiten Schotterweg einbog, der geradewegs durch eine Reihe Ahornbäume in das liebliche Rund des Parks führte.
    Kaum hatte ich die Bäume hinter mir gelassen und freie Sicht auf die frisch gemähte, von liebevoller Hand gepflegte Rasenfläche, da stutzte ich irritiert.
    Überrascht wanderte mein Blick, neugierig Ausschau haltend, von links nach rechte. Die Reihe der alten Bäume zog sich bis auf die gegenüberliegende Seite, wurde dort von mächtigen, weit ausladenden Kastanienbäumen abgelöst, die sich hinter mir wieder mit den Ahornbäumen vereinigten.
    Auf den ersten Blick schien mir alles vertraut und unverändert. Rechts des Weges sprudelte das Wasser aus dem gestreckten Schnabel des steinernen Kranichs in den künstlich angelegten Teich. Auch die fünf Weidenbäume am Rande waren nicht der Grund meiner Irritation. Ein paar Kinder badeten ihre Füße im seichten, lauwarmen Wasser, Andere tummelten sich schreiend und balgend auf den dunkelgrünen Rasen, dessen Betreten, wie üblich, verboten war. Links von mir trotzte eine überdimensionale Reiterstatue eines mir unbekannten Fürsten, in vielfältigen Grüntönen schimmernd, Wind und Regen, Um den Sockel, fein säuberlich gruppiert, wuchsen prächtige Rhododendronbüsche und verteilten unübersehbar in voller Blüte stehend, ihre lilafarbene Schönheit,
    Schräg hinten stand die verwitterte, ehemals grüne Bank, von deren einstiger Farbe nur noch vereinzelte Reste zeugten. Mein Blick wanderte weiter zu dem vor kurzem erstellten Geräteschuppen, der so gar nicht in dieses Bild längst vergessener Zeiten passen wollte.
    Unversehens kehrte mein suchender Blick zur Bank zurück und plötzlich durchzuckte mich die Erkenntnis, weshalb ich heute nicht, wie gewohnt, schnellen Schrittes den Park durchquert hatte, Der alte Mann fehlte, der sonst immer auf der linken äußeren Kante saß. Nie war er mir bisher aufgefallen in seinem schäbigen, grauschwarz gesprenkelten Mantel, der braunen Hose mit den viel zu weiten Beinen und der rotkarierten Baskenmütze.
    Unbeweglich hatte er, mit gefalteten Händen schwer auf den geschnitzten Eichenstock gestützt, da gesessen, den Blick starr geradeaus gerichtet. Ich wunderte mich, warum der Alte mir nie so richtig bewußt geworden war, obwohl er doch täglich Seine Nachmittage dort verbracht hatte. Nur zu genau erinnerte ich mich an seine braune, abgewetzte Aktentasche die stets an der gleichen Stelle neben ihm gestanden hatte, auch an seine braunen, schiefgelaufenen Lederstiefel, nur sein Gesicht wollte in meinen Gedanken nicht auftauchen. Er blieb in meiner Erinnerung einfach gesichtslos. Während ich weiter ging, rätselte ich über sein unverhofftes Ausbleiben. War er krank oder gar gestorben? Eine andere Möglichkeit fiel mir, ich muß es zu meiner Schande gestehen, einfach nicht ein. Gut eine Woche lang beschäftigte mich sein seltsames Verschwinden, bis andere Probleme ihn mehr und mehr aus meinen Gedanken vertrieben.
    Zwei Monate später fiel er mir überraschend wieder ein, als mein Blick sich zufällig der Bank zuwandte. Ein Gefühl der Trauer breitete sich machtvoll in mir aus beim Anblick der einsamen Bank. Seit diesem Zwischenfall umgehe ich den Park, melde seine besinnliche Stille, um nicht länger an das Ausbleiben des alten Mannes erinnert zu werden, der hier seine Nachmittage verbracht hatte, dabei wahrscheinlich in alten und uralten Erinnerungen schwelgte und über ihnen die Zeit vergaß. Eine Zeit, die ihm längst fremd sein mußte und der er seinerseits längst überdrüssig geworden war.
    Selbst in späteren Jahren überfiel mich oft das Bild den Parks mit seiner verlassenen Bank, und jedes mal schnürte es mir schmerzhaft die Kehle zu.


    Heike