Spiritismus und Besessenheit

  • Die Anfänge des Spiritismus finden sich im Schamanismus, in der z. B. die Krankheit mit der Seele gleichgesetzt wird oder wie im Glauben der Quecha-Indianer, ganz oder teilweiseden Körper verlassen und nur durch ein entsprechendes Ritual wieder in ihn zurückkehren kann. Den Gegensatz zum Verlust der Seele bildet die Besessenheit, das Eindringen böser Geister in den Körper unddessen Inbesitznahme. Die unterschiedlichen Symptome wie somnambule und luzide Besessenheit führten zu verschiedenen Interpretationen. Bei somnambuler Besessenheit verliert der Betroffene von einem Augenblick zum anderen das Bewusstsein seines Selbst, während der vermeintliche Eindringling bzw. dessen ‘Ich bin’ dessen Stelleeinnimmt. Später kann sich der Betroffene an nichts erinnern, was der Andere gesagt oder getan hat. Bei luzider Besessenheit wird das ‘Ich bin’ lediglich verdrängt und zum Beobachter degradiert. Man kannin diesen Fällen von einem intrapsychischen Parasitismus sprechen oder analog dazu, von einem parasitären Geist in der Seele.
    Der Wendepunkt vom Schamanismus bzw. des kirchlichen Exorzismus zur modernen Therapie ist verbunden mit der Gestalt Franz Anton Mesmer1und seiner Bemühung, eine naturwissenschaftliche Erklärung für die von ihm angewendeten Kräfte zu finden.
    Er griff die von englischen Ärzten praktizierte Behandlung mit Magneten auf, um im Körper seiner Patientin ein künstliches Hochwasser zu erzeugen. Dazu ließer sie ein eisenhaltiges Präparat einnehmen, befestigte Magnete an Bauch und Beinen und wartete auf eine Reaktion vonseiten der Patientin. Kurze Zeit später fühlte sie prickelnde Ströme durch ihren Körperabwärts strömen und für Stunden war sie völlig beschwerdefrei. Mesmer erkannte sofort, dass die Heilung nicht nur durch die Magnete erfolgt sein konnte und schloss auf ein bisher verborgenes Agens, welchessich in ihm selbst aufgebaut hatte und das er als ‘thierischen Magnetismus’ bezeichnete. Der Magnetismus hielt Einzug bei Ärzten und zugleich eroberte er die Gesellschaft, weil Magnetiseure öffentlichauf Bühnen ihr Können demonstrierten. Letzteres war sicher einer der Hauptgründe dafür, dass ihm die wissenschaftliche Anerkennung versagt blieb. Zudem vermischte er sich mit dem Okkultismus und des Öfterengeriet er in die Nähe der Scharlatanerie.
    Mit dem Auftreten des Spiritismus, der aus den USA über England nach Deutschland kam und wenig später auch Frankreich überflutete, begann die wissenschaftliche Erforschungder Phänomene. Angefangen hat er 1847 in Hydesville bei Arcadia, als ein Mann sich von seltsamen Geräuschen in seinem Haus belästigt fühlte. Kurz darauf vermietete er es an John Fox und dessen Familie.An einem Abend im März 1848 wiederholten sich die Geräusche, die eine seiner Töchter absichtlich ausgeführt hatte. Im weiteren Verlauf der Ermittlungen stellte sich heraus, dass in dem Haus ein Mann ermordetund im Keller verscharrt worden war. In den folgenden Wochen und Monaten Schwärme von Neugierigen in das Haus der Familie Fox und liefen der Tochter bzw. den ihr folgenden Klopfgeräuschen hinterher. Angeblich äußertensich darin die Geister Verstorbener. In den Jahren darauf wurde immer öfter von physikalischen Phänomenen berichtet, so fingen bei Séancen Tische an sich zu bewegen, laute Geräusche ertönten undein sonderbares Fluidum wurde sichtbar.
    Im Gegensatz zu der Besessenheit bedeutet Ekstase (vom griech: ‘èkstasis): ‘das Aus-sich-Heraustreten’, und meint damit das Entfernen von der Stelle oder auchVerrücktheit und Entzückung. Im klassischen Sinn bezeichnet es zunächst räumliche und körperliche Vorgänge, welche vom normalen Abweichen, wie das im übertragenen Sinn gemeinte ‘Verrückt’ sein. Der Begriff wird bereits im Dionysoskult verwendet und verweist dort bereits auf Veränderung bzw. Ausschaltung des menschlichen Bewusstseinsdurch göttliche Mächte hin.
    Plato verwendet den Begriff philosophisch im Sinne enthusiastischer Entrückung (theia mania), welche zur Erkenntnis der Wahrheit führt. Später, nach den hellenistischen Mysterienkulten, wo der Myste die Alltagsgrenzen seines Körpers verlässt,um die Vereinigung mit der Gottheit zu erzielen, sagt Plotin, dass der Zustand des Ruhens in Gott eher durch Reinigung und Askese erreicht werden kann. Im Neuplatonismus wurde die mystische Ekstase zur Schau des ‚Einen‘und seiner Erkenntnis.
    Selbst im Alten Testament finden wir bei den Nachbarvölkern Israels Besessenheitsprophetie beschrieben. 4 Mose/Num 22-24 erzählt, dass der König der Moabiter (Balak) den Propheten Bileam für seine Zwecke zu engagieren versucht. Von Bileam ergreift der Geist Gottes Besitz. Die Bibelstelle schildert, wie der Prophetmit entschleierten – geschlossenen – Augen daliegt, folglich in der Lage ist, die visionäre Schau zu erleben. Weitere Motive der Besessenheitsübertragung finden sich an zahlreichen Stellen wie in 1Sam. 19,18-24 oder 2 Kön. 9,11 und Jes 28,7, in denen die Betroffenen oft als ‚Wahnsinnige‘, ‚Verrückte‘und ‚Betrunkene‘ bezeichnet werden. Selbst große Heerführer (Saul) und Sängerinnen (Deborah) erfuhren die göttliche Inspiration, die auch Außenseiter wie Prostituierte und Söldnernicht ausgrenzte.
    In griechischen Überlieferungen gibt es zahlreiche Hinweise auf Phänomene der Besessenheit. Sybillen waren von einer Gottheit besessene Frauen, die zumeist Unglück verkündeten.Heraklit: Mit bebenden Lippen, ernst, schmucklos und ungesalbt spricht die Sybille Worte, die durch ein Jahrtausend klingen – denn sie ist von Gott inspiriert‘.
    Im christlichen Mönchtum sind exstatische Erlebnisse nicht unbekannt, spielen jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Erst mit Dionysius Areopagita2,für den die Ekstase ein Mittel ‚zum Heraustreten aus allem' ist, wird sie ‚zum überwesentlichen Strahl des göttlichen Dunkels‘ emporgehoben.
    Daraus entwickelte sich im 13. Jahrhundert die mittelalterliche Mystik. Bonaventura3, der durch das Leben des Franz vonAssisi4, der 1224 in mystischer Entzückung die Wundmale Christi empfing, religiös geprägt wurde, führte Ekstase bzw. Verrückung als systematischeElemente des kontemplativen Weges in die abendländische Mystik ein.
    Intensiver als bei den Mystikern ist die Tranceerfahrung bei den Frauen, überwiegend von im Kloster lebenden Nonnen. Schilderungen solcher Art finden sich in den Schriften vonMechthild von Magdeburg5 in ihren erotisch-ekstatisch gefärbten mystischen Erfahrungen.
    In der nachreformatorischen Zeit beginnt mit Jakob Böhme6, seiner Vereinigung mit Christus oder Sophia, der göttlichenWeisheit, eine Reihe weiterer bedeutender Mystiker wie Angelius Silesius7, Nikolaus von Kues8 etc.
    In neuerer Zeit wird zumeist der Begriff Channeling verwendet, bei dem eine Person Botschaften einer körperlosen, außerhalb seines oder ihres Bewusstseinsbefindlichen Quelle weitergibt.
    Bereits 1850 forschte und schrieb Allan Kardec9 in Frankreich auf dem Gebiet des Paranormalen und veröffentlichte seiner Forschungsergebnisse in den Büchern ‚Das Buch der Geister, Das Buch der Medien und The Gospel as Explained by Spirits(1864). Er prägte auch den Ausdruck ‚Spiritismus‘. Sein Buch der Geister ist eine Zusammenfassung von Antworten seiner Geistquelle auf Fragen wie:Wie sind Geister zu definieren?, auf die er die Antwort erhielt:Man kann die Geister als die intelligenten Wesen der Schöpfung definieren. Sie machen die Bevölkerung des Universums aus, im Gegensatz zu den Formen der materiellen Welt.‘
    Das erste bedeutende Medium der Neuzeit, Helena Petrovna Blavatsky10, traf nach eigenen Angaben seit ihren jungen Jahren den Meister Morya, der ihr in Visionen erschien. Sie erklärt die ‚Meister der Weisheit‘ als Menschen, die auf ihrem spirituellen Weg sehrweit fortgeschritten sind, die geistige Welt beherrschen und über die durch sie zu gründende Bruderschaft zum Wohl der Menschheit eintreten wollen. Dazu würden sie auch mit einzelnen Menschen persönlichin Kontakt treten.
    Edgar Cayce11 sprach in seinen Trancezuständen über Themen wie Gesundheit, Astrologie, Reinkarnation und Atlantis. Über viele Jahre linderte er die Leiden Kranker, indem er ihre Krankheit analysierte, die Ursachenexakt darstellte und mögliche Behandlungsmethoden vorschlug.
     Jane Roberts12 wurde der breiten Öffentlichkeit durch ihr Geistwesen Seth bekannt. Sie schrieb unter dem Diktat von Seth, der sich selbst als ‚multidimensionaler Energiepersönlichkeitskern‘ bezeichnet,der die Folge menschlicher Inkarnationen durchlaufen habe und jetzt aus der geistigen Welt höherer Realität zu den Menschen spricht, zahlreiche Bücher philosophischen Inhalts. Die in den Sethbüchern vertretenenThesen beziehen sich auf praktisch sämtliche Lebensbereiche, von metaphysischen Theorien und Spekulationen über physikalische Welterklärungen bis hin zu ‚esoterischen Thesen‘ und Vorhersagen vonzukünftigen Ereignissen.

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    1 Franz Anton Mesmer (* 23.5.1734; † 5.3.1815, war ein deutscher Arzt, Heiler und der Begründer der Lehre vom animalischen Magnetismus, auch Mesmerismus genannt.
    2 Pseudo-Dionysius Areopagita ist ein unbekannter christlicher Autor des frühen sechsten Jahrhunderts.
    3 Bonaventura, bürgerlich Giovanni (di) Fidanza; * 1221; † 15.7.1274 war einer der bedeutendsten Philosophen und Theologen der Scholastik.
    4 Franz von Assisi, gebürtig Giovanni Battista Bernardone; * 1181/1182; † 3.10.1226.
    5 Mechthild von Magdeburg * um 1207; † 1282 war eine christliche Mystikerin.
    6 Jakob Böhme; * 1575; † 17.10.1624 war ein deutscher Mystiker, Philosoph und christlicher Theosoph.
    7 Angelus Silesius, eigentlich Johannes Scheffler; getauft 25.12.1624 † 9.7.1677 war ein deutscher Lyriker, Theologe und Arzt.
    8 Nikolaus Kardinal von Kues, * 1401; † 11.8.1464, war ein deutscher Philosoph, Theologe und Mathematiker.
    9 Allan Kardec, * 3.10.1804; † 31.1869 war ein bedeutender französischer Spiritist.
    10 Helena Petrovna Blavatsky, * 31.7. 1831; † 8.5.1891 war eine Okkultistin deutsch-russischer Herkunft.
    11 Edgar Cayce, * 18.3.1877 † 3.1.1945 war ein US-amerikanisches Medium.
    12Jane Roberts, * 8.5.1929; † 5.9.1984 war eine US-amerikanische Autorin.


    Siehe dazu:


    v-schopf.de/index.php?attachment/15/Klappentext:


    Offenbart sich das jenseitige Reich dem Homo sapiens in Form von Geistererscheinungen, Zuständen von Besessenheit, durch Medien, die sowohl in mündlicher als auch schriftlicher Weise darüber berichten? Sind die Savants mit ihren außergewöhnlichen Begabungen, die teilweise über Nacht bzw. durch einen Unfall ausgelöst, auftreten und mit ihren Fähigkeiten selbst Wissenschaftler in Erklärungsnot bringen, die Antwort auf einen transzendenten Bereich hinter der wahrnehmbaren Realität?


    Diese Schrift beschäftigt sich mit diesen Phänomenen und erklärt sie anhand der im ersten Band dargelegten Sichtweise über das Wesen des Kosmos. Im Mittelpunkt steht der Homo sapiens, das individuelle Ich bin, und das sie als Einheit Umfassende.