Tod im Kopf 1.0.0

Seit dem Tod seiner Frau, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, ist Jürgen Bauer verbittert und einsam geworden, ohne dass ein Ende seiner Trauer und Verzweiflung abzusehen wäre.

Die Welt versinkt hinter Erinnerungen. Das Geräusch meiner Schritte bleibt hinter mir zurück, verliert sich in dem Gassengewirr der Altstadt. Die wenigen Passanten, die meinen Weg kreuzen, verflüchtigen sich zwischen Nacht und Regen, und das Klicken ihrer Absätze reiht sich ein in den Takt der Zeit.

Ein Gefühl der Einsamkeit steigt in mir, bemächtigt sich meiner Gedanken und überantwortet mich dem Nichts. In diesem Moment empfinde ich die Welt als neutral – jenseits von Gut und Böse; hier wird mein Leid erträglich, weil es keine Antwort fordert.

Ein Schlag gegen den Arm wirft mich einen Schritt seitwärts.

„He, Alter! Hast dir wohl einen zuviel hinter die Binde gekippt.“ Anschließend Gelächter und ein Riß im Gefüge der Einsamkeit. Vor einem Schaufenster bleibe ich stehen und warte, bis die Gruppe Jugendlicher in der gegenüberliegenden Gasse verschwindet.

„Was wißt ihr schon ...“, murmle ich, einen Nikolaus betrachtend, der mir dämonisch grinsend zuwinkt. Zu seinen Füßen dreht ein buntbemalter Plastikzug seine ewig gleichen Runden durch unwirkliche Landschaften.

„Weihnachten“, das Wort kommt seltsam schwer über meine Lippen.

Zwei Jahre, in denen ich die Wohnung nur zum Arbeiten und Einkaufen verlassen habe.

„Zwei Jahre“, seufze ich laut und lenke damit den Blick einer Frau auf mich. Sie beschleunigt unwillkürlich ihre Schritte und zieht den Schirm schutzsuchend dichter über den Kopf.

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