Über Besessenheit (Kurze Einführung)

  • Besessenheit:


    In der wörtlichen Bedeutung hat Besessenheit durch Einwirkung des Christentums eine negative Bedeutung erlangt. Zur dämonischen Besessenheit später mehr.

    Oft wurde die Besessenheit mit Epilepsie in Verbindung gebracht, und so beginnt ihre Geschichte mit den Beobachtungen von P. Briquet (1796-1881), der sie zuerst als Krankheit bezeichnete, die in einem Fehlverhalten von bestimmten Gehirnbereichen bestehe, welche das emotionale und sensorische Verhalten steuern. Der Nachweis gelang ihm nicht. Außerdem hielt er eine ‚erbliche Disposition‘ für ausschlaggebend.

    Die moderne Definition[i] geht auf J. M. Charcot (1825-1893) und Pierre Janet (1859-1947) zurück. Für deren Schule wird der hysterische Anfall in drei Stadien unterteilt:

    - Halluzinationen, organische Störungen und Beeinträchtigungen der Empfindlichkeit; danach folgt

    - eine Art epileptischer Anfall mit anschließendem Schlaf und anormaler Atmung, und letztlich

    - kam der Betroffene wieder zu Bewusstsein, bewegte seinen Körper, indem er Verrenkungen und Verdrehungen vollführte.

    Zuweilen verlief der Anfall auch anders und so gab man einer Erscheinungsform den Namen ‚dämonischer Anfall‘, weil er Ähnlichkeiten mit den von der Kirche beschriebenen Besessenheitsfällen aufwies. Den Versuch, Fälle dieser Art wissenschaftlich zu untersuchen, machte zuerst T. K. Oesterreich[ii]. Sein Werk ‚Die Besessenheit‘ beschreibt eine unglaubliche Anzahl von Fallgeschichten, die bis zum Orakel von Delphi zurückgeht. Er wies der Besessenheit einen Platz zwischen Hysterie und Ekstase zu.


    Was geschieht in der Besessenheit?

    Besessenheit kann total oder partiell sein; im ersten Fall ist das Selbst während der Inkorporation abwesend, zumindest erlebt der Betroffene nicht, was der fremde Geist durch seinen Körper tut und erfährt. Seine Persönlichkeit ist aktuell inexistent, sie erlebt keine Wahrnehmung und hat keinerlei Einfluss auf irgendwelches Verhalten des eigenen Körpers. Im zweiten Fall hat er die Möglichkeit, mehr oder weniger deutlich die Anwesenheit des Geistes selbst zu beobachten.

    Während der Besessenheit ist der Betroffene in Sprache, Verhalten usw. verändert. Er übernimmt die Gestik des inkorporierten Geistes.

    Besessenheitszustände gleichen denen der Ekstase. Mit Hilfe von Musik und Liedern versetzt sich z. B. der Schamane in Trance, ruft seinen Hilfsgeist herbei, der von ihm Besitz ergreift. Mit Schaum auf den Lippen beginnt der Schamane unter dem Einfluss des Geistes zu reden und zu handeln. In diesem Zustand darf er die rituellen Handlungen[iii] vollführen und Fragen Außenstehender beantworten. Sein Zustand kann unter Umständen auf andere Teilnehmer überspringen.

    Die Trance, im üblichen Sinn verstanden, hat also, um es ausdrücklich zu betonen, mit Besessenheit direkt nichts zu tun, auch nicht mit der totalen Besessenheit. Allerdings ist sie dabei wahrscheinlich insofern unumgänglich, als eine Sekundärpersönlichkeit nur in den Fokus treten bzw. wahrgenommen werden kann, wenn die Primärpersönlichkeit zunächst durch Trance geschwächt und in den Hintergrund gedrängt worden ist.



    Geschichte der Besessenheit:

    Erste Hinweise auf Besessenheit (ekstatische Phänomene) sind bereits in den steinzeitlichen Höhlenbildern in Spanien und Frankreich zu finden, die von paläolithischen Jägern und Sammlern[iv] entweder als Wohnraum oder zu kultischen Handlungen benutzt wurden. In diesem Zusammenhang sind vor allem skizzenhafte Zeichnungen in den zumeist entlegeneren Bereichen der Höhlen von Interesse; sie gelten als flüchtig hingeworfene Bilder als Folge ekstatischer Visionen. Womöglich war die Reizarmut der unterirdischen Gänge und Nischen ein idealer Stimulus, um in Trance zu fallen und Halluzinationen zu erleben.

    Gesicherte Hinweise besitzen wir erst mit der Erforschung ekstatischer Zustände bei primitiven Völkern. Dort handelt es sich zumeist um Männer oder Frauen, die von Schutzgeistern auserwählt werden und nach durchlaufener Initiation den gewöhnlichen Umgang mit ihnen erlernen. Dadurch werden sie in die Lage versetzt, geraubte Seelen zurückzuholen, indem sie die ihre auf die Suche schicken. Sie vollziehen kulturelle Aufgaben, kümmern sich um Kranke, geben Hinweise zur Nahrungssuche, sorgen für das richtige Wetter usw. bis hin zur Vorhersage kommender Ereignisse.

    Bei ostafrikanischen Viehzüchtergesellschaften (z. B. den Dinka) gelten Wahrsager als von Gottheiten in Besitz genommen. Sie werden als ‚Mann der Gottheit‘ oder ‚Prophet‘ bezeichnet und können die Zukunft sehen, Kranke heilen und die Ursachen von Unglücken erkennen. Während des Rituals beginnt der Prophet zu zittern, dann stöhnt er auf und atmet zusehends schwerer. Die Gottheit dringt in seinen Körper ein und spricht durch ihn.

    Tontafelfunde in Mari am mittleren Euphrat (frühes 2. Jahrtausend v. Chr.) dokumentieren die Institution trancehafter Kultprophetie[v] in der Frühphase des Stadtkönigtums. Dadurch gewinnt Mari ein hohes Ansehen und großen politischen Einfluss. Seine Propheten/Prophetinnen werden als muchchutum bezeichnet. Ihren Visionen kommt große Bedeutung zu. Welche Macht diese Besessenen (Propheten) besaßen, wird durch die Verpflichtung der Vasallen des assyrischen Reiches durch den König Asarhaddon (681-668 v. Chr.) bezeugt, keinem muchchutum Gehör zu schenken, wenn dieser sich gegen den assyrischen Thronfolger ausspricht.

    Bei den Umbanda, die Horst Figge[vi] beschreibt, der zwischen Geist (vom Spiritisten für existent gehaltene übernatürliche Entität in ihrer völligen Unabhängigkeit vom menschlichen Körper) und inkorporiertem Geist (in dem das Medium eine bestimmte Geistrolle verkörpert) trennt, ist der inkorporierte Geist identisch mit dem übernatürlichen Geist.

    Auch im Alten Testament finden wir bereits bei den Nachbarvölkern Israels Besessenheitsprophetie beschrieben. 4 Mose/Num 22-24[vii] erzählt, dass der König der Moabiter (Balak) den Propheten Bileam für seine Zwecke zu engagieren versucht. Von Bileam ergreift der Geist Gottes Besitz. Die Bibelstelle schildert, wie der Prophet mit entschleierten – geschlossenen – Augen daliegt, folglich in der Lage ist, die visionäre Schau zu erleben.

    Des Weiteren zitiert das Alte Testament die Propheten des Gottes Baal (1 Könige 18,26ff[viii]), die um den Opferkult Baals hinken und ihren Gott anrufen. Sie verletzen sich mit Messern und Spießen, geraten in eine verzückte Raserei und nehmen Kontakt zu ihrem Gott auf. Elemente wie die eben geschilderten stellen zwar Erweiterungen eines späteren Redaktors dar, gehören folglich nicht zum ursprünglichen Erzählungszusammenhang, schildern jedoch eindrucksvoll die Elemente des Kultes, der durch Angaben bei Schriftstellern wie Heliodor (4. Jh. n. Chr.) und Apuleius (2. Jh. n. Chr.) für syrische Religionen durchaus bestätigt werden.

    Das alttestamentliche Motiv der Besessenheitsübertragung findet sich an zahlreichen Stellen wie in 1Sam. 19,18-24 oder 2 Kön. 9,11 und Jes 28,7, um nur einige Bibelstellen aufzulisten, in denen die Betroffenen oft als ‚Wahnsinnige‘, ‚Verrückte‘ und ‚Betrunkene‘ bezeichnet werden. Selbst große Heerführer (Saul) und Sängerinnen (Deborah) erfuhren die göttliche Inspiration, die auch Außenseiter wie Prostituierte und Söldner nicht ausgrenzte. Die Geschichte der Propheten setzt sich im Neuen Testament (Apostelgeschichte usw.) fort und soll an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden.

    In griechischen Überlieferungen gibt es zahlreiche Hinweise auf Phänomene der Besessenheit. Sybillen waren von einer Gottheit besessene Frauen, die zumeist Unglück verkündeten. Heraklit[ix]: Mit bebenden Lippen, ernst, schmucklos und ungesalbt spricht die Sybille Worte, die durch ein Jahrtausend klingen – denn sie ist von Gott inspiriert‘.

    Im christlichen Mönchtum sind exstatische Erlebnisse nicht unbekannt, spielen jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Erst mit Dionysius Areopagita, für den die Ekstase ein Mittel ‚zum Heraustreten aus allem' ist, wird sie ‚zum überwesentlichen Strahl des göttlichen Dunkels‘ emporgehoben.

    Daraus entwickelte sich im 13. Jahrhundert die mittelalterliche Mystik. Bonaventura (1221-1274), der durch das Leben des Franz von Assisi, der 1224 in mystischer Entzückung die Wundmale Christi empfing, religiös geprägt wurde, führte Ekstase bzw. Verrückung als systematische Elemente des kontemplativen Weges in die abendländische Mystik ein.

    Die Reichhaltigkeit der abendländischen Mystik näher zu untersuchen, würde den Rahmen dieser Abhandlung sprengen. Deshalb einige wenige Sätze zu den bedeutendsten Mystikern:

    Für Jan van Ruysbroek (1294-1381) folgt der mystische Weg einer Stufenfolge. Drei Klippen muss der menschliche Geist überspringen, um in den Genuss der göttlichen Ruhe zu gelangen. Dort erlebt der Geist in ekstatischer Hingabe die ‚Brautfahrt Christi‘.

    Intensiver als bei den Mystikern ist die Tranceerfahrung bei den Frauen, überwiegend von im Kloster lebenden Nonnen. Schilderungen solcher Art finden sich in den Schriften von Mechthild von Magdeburg (ca. 1207 bis ca. 1282/94) in ihren erotisch-ekstatisch gefärbten mystischen Erfahrungen.

    Mechthild von Hackeborn (1242-1299), Gertrude von Helfta (1256-1302) und Teresa von Avila (1515-1582) sind nur einige weitere Namen in einer langen Liste von Nonnen, deren zum Teil auch körperlich geprägte Ekstasezustände den mystischen Aufstieg des Geistes zu Christi und die Vereinigung mit ihm initiierten.

    In der nachreformatorischen Zeit beginnt mit Jakob Böhme (1575-1624), seiner Vereinigung mit Christus oder Sophia, der göttlichen Weisheit, eine Reihe weiterer bedeutender Mystiker wie Angelius Silesius (1624-1677) Nikolaus von Kues (1401-1464) und viele andere.

    Die Liste der Besessenen ließe sich nahezu beliebig fortsetzen: Dionysos-Kulte, die Mysterien des Kybele-Attis-Kultes, orgiastische Feiern mit teilweise blutigen Praktiken und hemmungsloser Raserei. Dämonische Gefolgsleute, Göttinnen mit der Kraft der Besessenheit ausgestattet, in Visionen getaucht, erfüllen die religiösen Vorstellungen ihrer Zeit.


    [i] Bei der Definition von Besessenheit und dem Versuch zu klären, um was es sich dabei in naturwissenschaftlicher Sicht handelt, muss vom Wortverständnis der Gläubigen ausgegangen werden. Zwischen Menschen, von denen angenommen wird, dass sie besessen sind oder dies von sich selbst behaupten, gibt es keine offensichtlichen Übereinstimmungen, die sie nicht auch mit anderen verbinden würden, außer eben dieser Behauptung. Dabei ist der prinzipielle Wertunterschied hervorzuheben zwischen der gutgläubigen Aussage über die Besessenheit eines anderen und die über sich selbst. Bestünde nur die erstere – sozusagen als die Bezeichnung einer bestimmten Art von unangepasstem Verhalten – könnte das behauptete spirituelle Phänomen als wunschhaftes Fantasieprodukt abgetan werden. Erst die gutgläubige Selbstaussage, d. h. die aufgrund von Indizien als wahr anzusehende Aussage des Besessenen über das eigene Erleben, macht die Besessenheit zu einem Faktum, das einer besonderen Erklärung bedarf. Denn offensichtlich kann die Tatsache, dass ein Mensch voller Überzeugung von sich aussagt, dass er es nicht selbst ist, der gelegentlich durch seinen Mund spricht und sich dabei als Fremder ausgibt, nicht einfach als Missverständnis abgetan werden.

    Die Besessenheit wird von Autoren nicht immer gesehen. Die Ablehnung der spiritistischen Interpretation des Phänomens genügt vielen, das Phänomen selbst als inexistent, als Fremd- oder Selbstbetrug oder als Irrtum anzusehen.

    Dagegen hatte Rodrigues (Rodrigues, Raimundo Nina (1932): Os Africanos no Brasil. Sao Pauloschon 1900) zum Ausdruck gebracht: „Aus dem, was ich gehört habe, den Fällen, die ich beobachtet habe, den Untersuchungen, die ich durchgeführt habe, muss ich schließen, dass die fetischistischen Orakel oder die Besessenheit durch Heilige nichts weiter sind als provozierte somnambulistische Zustände mit Spaltung und Ersetzung der Persönlichkeit.“

    Faria (Faria, Osmard Andrade (1958): Manual de Hypnose Médica e Odontológica. Rio de Janeiro) schreibt: „Wer häufig den Phänomenen der Besessenheit und der spiritistischen Trance beigewohnt hat, kennt die dort normalerweise auftretenden Geschehnisse wie die positive Halluzination (Videnz), die auditive Halluzination (Audienz), das automatische Schreiben (Botschaften), die verbo-motorischen Halluzinationen, den Automatismus, die Katalepsie, die Anästhesien und eine Welt weiterer leicht erreichbarer Proben in Sitzungen hypnotischer Versenkung durch Summierung kortikaler Inhibitions-Foken.“ Das bringt ihn zu dem Ergebnis: „Zweifellos ist das, was man in den Zusammenkünften der Geisterkorporation tut, … nichts anderes als Autohypnose …“

    Von der Wissenschaft werden die Phänomene, bzw. die Besessenheit als Autosuggestion usw. abgetan oder mit Hysterie ähnlichem Verhalten (Wahnsinn) erklärt.

    [ii] Oesterreich, Traugott Konstantin (1921): Die Besessenheit. Langensalza

    [iii] Rituale stärken den Glauben an ‚etwas‘ und auf diesem Umweg den Ich-Komplex. Dadurch ist Heilung bzw. die Barriere gegen die Inflation des Lebensfeldes stärker und verhindert eine weitere Indoktrination. Glaube ist der Königsweg zum eigenen Selbstbewusstsein, dessen Stärkung und hilft dem Selbst: Ich kann das! zu sagen und es dadurch auch zu vollbringen. Lernt ein Kind nicht dadurch seine Ich-Grenzen und Fähigkeiten auszuloten, zu erkennen? Erst später, in kritischen Lebenssituationen, spielt der Glaube (Placebo-Effekt) die uns unbewusst bekannte Rolle als Helfer durch Gott, das Gewünschte zu erreichen, bzw. zu erhalten.

    [iv] Der Naturmensch erweist sich eben als bildsichtig gegenüber feinstofflichen Kräften und Wesenheiten der transzendenten Welt, da er noch weitgehend auf diese Sphäre bezogen ist und den Intellektualisierungsprozess noch nicht vollzogen hat.

    [v] Soweit wir heute wissen, ist Ägypten das erste Land, in dem die Trance bewusst angewandt wurde, um mit den Göttern zu reden. Es wird berichtet, wie Priester und Priesterinnen unter Zuhilfenahme von heiligen Gegenständen in Trance gerieten, die Götter sahen, mit ihnen sprachen und deren Willen kundtaten (weissagten). Zudem glaubten die Ägypter an ein jenseitiges Leben als Fortsetzung der irdischen Existenz.

    In vielen frühen Kulturen existierte der Brauch der sogenannten Inkubation (Tempelschlaf), bei dem im Traum dem Schläfer göttliches Wissen zuteil wird.

    Das früheste heute bekannte Beispiel für die Verwendung einer Art Planchette wurde in China gefunden und stammt aus dem zweiten Jahrtausend vor Chr. Damit wurden die Geister beschworen, in das primitive Gerät (Chi) herabzusteigen, worauf das Chi sich zu bewegen begann und die Botschaft zu Papier brachte oder in eine dünne Schicht Sand ritzte.

    Assyrer glaubten, dass sich die Götter durch Zeichen mitteilten, in Persien wirkte der Prophet Zarathustra und stellte 600 Jahre v. Chr. das Awesta, eine umfangreiche Sammlung von Hymnen und Belehrungen zusammen, die in göttlicher Zwiesprache entstanden sind und die Araber entwickelten ihr System um den Zustand des Atems, des individuellen unsterblichen Geistes zu beschreiben. Dort war es möglich, dass ein Verstorbener, wenn der Geist nicht mehr die Oberaufsicht über den Körper besaß (Schlaf, Trance usw.) von einem anderen Geist in Besitz genommen, von ihm besessen wurde.

    [vi] Figge, Horst H (1973): Geisterkult, Besessenheit und Magie in der Umbanda-Religion Brasiliens. Univ., Diss.--Freiburg/Br.

    [vii] Gute-Nachricht-Bibel. Altes und Neues Testament ; mit den Spätschriften des Alten Testaments (Deuterokanonische Schriften/Apokryphen). Rev. Fassung 1997 der "Bibel in heutigem Deutsch", Standardausg. mit Spätschriften, durchges.

    [viii] Ebenda

    [ix] Heraklit Fragm. 92

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