Bauchgefühl Teil I

  • Die bewusste Wahrnehmung des Ich bin ist ein ‘Spätes’ in der Evolution des Kosmos. Es bedarf, um überhaupt in Erscheinung zu treten, einer hochkomplexen Struktur wie z. B. des Zentralnervensystems, kurz ZNS, des Homo sapiens. „Der Leib ist unser Mittel überhaupt, eine Welt zu haben“1. Diese Erkenntnis von Merleau-Ponty2 weist das Ich bin auf die Grundlage der bewussten Wahrnehmung hin, den Leib. Der Homo sapiens ist evolutionsgeschichtlich zuerst Leib. Und als Leib-Wesen ist er in seiner Wahrnehmung an das Leibliche bzw. physikalisch Reale gebunden. Somit bleibt ihm, zumindest im jetzigen Stadium seiner Entwicklung, die Einheit des Kosmos verborgen; er besitzt wahrnehmungspsychologisch betrachtet einen ‘begrenzten Gesichtskreis’. Ihm liegt damit ein verborgenes Wissen zugrunde, das bedeutsam und unbewusst ist. „Es denkt in mir3. So drückt es Merleau-Ponty aus und fügt hinzu:

    „Wollte ich infolgedessen die Wahrnehmungserfahrung in aller Strenge zum Ausdruck bringen, so müßte ich sagen, daß man in mir wahrnimmt, nicht, daß ich wahrnehme“4.

    Mit anderen Worten: Der Homo sapiens ist eine Entität, der das Tun des Leibes mit einem Symbol (Begriff, Sprache) zu der umfassenden Einheit des Ich bin transformiert.


    Die verschiedenen Arten des Gedächtnisses sind evolutionär bedingt und führen von der einfachen Berührungswahrnehmung des Einzellers, die eine Richtungsänderung bewirkt, über das instinktive Verhalten der Tiere, basierend auf erlernten Programmen und Verhaltensweisen wie z. B.: Nestbau, Jagdverhalten etc., bis zu der bewussten Wahrnehmung des Homo sapiens. Stets jedoch werden Informationen der Außenwelt mit Informationen der Innenwelt, des Informationsgehaltes, über den Prozess der Wechselwirkung zu einer umfassenden Einheit transformiert, welches dann als Ereignis in der Realität zur Erscheinung kommt.

    Dazu Merleau-Ponty:

    „Der Raum ist das Unbewusste des Leibes ebenso wie der Leib das Unbewusste des Denkens ist“5.

    Und an anderer Stelle.

    Es ist der Leib, der schweigend hinter meinen Worten und Handlungen steht“6.

    Der Leib ist vor der bewussten Wahrnehmung des Homo sapiens, die ihm als Denken bzw. Sprache zur Erscheinung gelangt und für jedes ‘ich denke’ existiert zugleich ein verborgenes, nicht-thetisches Wissen des Leibes. Und wenn Merleau-Ponty von dem ‘anonymen Wissen des Leibes’ spricht, dann meint er den Informationsgehalt des Homo sapiens.

    Die Struktur des Seienden wird von diesem Informationsgehalt geformt; es ist in der Begrifflichkeit der Physik ‘physikalische Information’. Das Seiende ist Ausdruck der Evolution, des Prozesses der Transformation. In welcher Weise das Seiende transformiert wird, ist von der durch den Träger von Information vermittelten Information und dem Informationsgehalt des individuellen Seienden abhängig.


    Das individuelle Ich bin basiert auf der ‘Ich-bin-Kategorie’, in der sämtliche Erkenntnisse abgespeichert werden, bei denen ein raumzeitliches Muster des Leibes mit einem Symbol zur Einheit des Ich bin transformiert wurde. Bewirkt wird der Prozess durch die Fokussierung des Leibes auf ein für ihn bedeutsames raumzeitliches Muster. Die Auswahl geschieht für das Ich bin unbewusst und ist nur bedingt, durch weitere Fokussierungen, und in Einzelfällen möglich bzw. zugänglich. Das Tun des Leibes, bleibt dem Ich bin zum Großteil verborgen. So wird z. B. die Homöostase des Leibes ebenso ohne bewusste Wahrnehmung des Ich bin aufrechterhalten wie zahlreiche Handlungen des täglichen Lebens, die es ‘unbewusst’, der Erkenntnis entrückt, ausführt. Dies besagt: ‘Bewusstsein ist ein unbewusster Akt’7.


    Der Informationsgehalt des ‘Leibes ist folglich - die Erkenntnis ist nicht neu - wesentlich umfassender als der ‘Inselbereich’ der ‘Ich-bin-Kategorie’. Er bedingt das Tun des Ich bin sowohl in der Innenwelt als auch in der Außenwelt, indem er mit dem Anderen interagiert, oder über Wechselwirkungen, den Austausch von Informationen, das Andere zu umfassenden Einheiten transformiert bzw. von ihm transformiert wird. Dieser Prozess steuert die Evolution des Kosmos und damit der Spezies Homo sapiens, vom Ursprung, dem Fundamas, über den Grundbaustein (String, Brane etc.) des Kosmos, der Urzelle des Lebens, bis zum Ich bin und der ihn umfassenden Einheit des Seinsfeldes.


    Die Intuition des Ich bin gründet auf diesem umfassenden Informationsgehalt des Leibes und deshalb sind die von der Intuition in der bewussten Wahrnehmung aufscheinenden Gedanken, Gefühle, Ahnungen etc. fundierter als jede von dem Ich bin angestrengte Überlegung in Bezug auf ein Problem, eine Entscheidung. Wir müssen nur lernen, unserer Intuition - Bauchgefühl - zu vertrauen und unser Tun entsprechend der uns beherrschenden Gefühle, Gedanken etc. zu modifizieren.

    Wie lernen wir, unserer Intuition zu vertrauen? Hierüber spreche ich im zweiten Teil von ‘Intuition und Bauchgefühl’.



    1 Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, 1966, S. 176.

    2 Maurice Merleau-Ponty (* 14. März 1908; † 3. Mai 1961) war ein französischer Philosoph und Phänomenologe.

    3 Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, 1966, S. 252.

    4 Ebd. S. 253.

    5 Merleau-Ponty, Rede auf einer Tagung.

    6 Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, 2003, S. 277.

    7 Görnitz, Thomas; Carl Friedrich von Weizsäcker - Physiker, Philosoph, Visionär; Verlag der Carl Friedrich von Weizsäcker-Stiftung 2012; S. 129; Ein Satz, der vermutlich von William James stammt.

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