Über Illusionen

  • Die Sonne berührte bereits den Horizont, als Tathagata seine Meditation beendete. Er beschattete die Augen, blickte prüfend in die Gesichter seiner Schüler, die mit ihm den Nachmittag im Hain verbracht hatten, und sprach: „Illusion heiße ich den Pfad, der die Kluft zwischen Leib und Ich bin' überbrückt.“

    „Aber, verehrter Tathagata, ist nicht jedes Ding Illusion?“, rief ein Schüler und verwies auf die Gruppe jener weisen Gelehrten, die sich seit gestern in der Stadt aufhielten.

    „Höret!“, fuhr Tathagata in seiner Belehrung fort. „Das Ich bin beschreitet oft den Pfad der Illusion, sei es, um des Daseins oder des Glückes willen. Ich lehrte euch, dass das Ich bin oft in dem Irrtum lebt, es sei vergänglich wie sein Leib und somit der Pfad seines Daseins begrenzt. Weshalb schlussfolgert das Ich bin in dieser Weise?“

    „Weil das ‘Ich bin’ sich der umfassenden Wahrheit seines Daseins nicht bewusst ist“, antwortete einer der älteren Schüler, wobei ein anderer hierzu anmerkte: „Verborgen ist ihm der wahre Pfad der Erkenntnis, und somit verfällt es in Rätselraten oder den falschen Lehren der zahllosen Prediger, die das Land durchziehen und so reich an Zahl sind wie das verborgene Wissen, das sie verkünden.“

    „Gut gesprochen“, lobte Tathagata seine Schüler. „Doch ich sprach auch von der Intuition, der Stimme des Leibes. Drei Bettler, die ein Stück ihres Weges gemeinsam gingen, klopften - es war bereits spät am Abend und die Sonne längst hinter dem Horizont verschwunden - an die Tür eines stattlichen Anwesens, weil Hunger und Durst in ihnen übermächtig wurden. Ein Diener öffnete die Tür und bat die von der Reise erschöpften Wanderer herein, bevor sie ihn um einen Krug Wasser und etwas Brot bitten konnten. Der Herr des Hauses, ein wohlhabender Kaufmann, wies ihnen selbst den Weg zum Bad, damit sie sich ein wenig erfrischen konnten, während seine Diener saubere Kleidung für sie bereitlegen. Danach bewirtete er sie mit den köstlichsten Speisen, als handle es sich bei ihnen um gute Freunde oder die Vertreter von bedeutenden Handelshäusern, die aus geschäftlichen Gründen in der Stadt weilten. Die Nacht verbrachten sie, umhüllt von mannigfachen Düften, auf weiche Lager gebettet, trunken und müde vom Wein und den erlesenen Speisen. Am kommenden Morgen überreichte ihnen ein Diener ausreichend Wegzehrung für den Tag und so viele Münzen, um sieben weitere Tage, befreit von den Bitten um Almosen, leben zu können.

    Eine lange Zeit liefen sie schweigend nebeneinander her, gedachten der Großzügigkeit des Kaufmannes, während die Erinnerung an den Duft der genossenen Speisen ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

    „Selbst, wenn ich es in Zeiten der Not oder in einsamen Stunden, wenn ich mich den Träumen hingebe, wollte“, gestand der Älteste seinen Begleitern, als die Sonne schon hoch am Himmel stand, „mein Wesen stünde jedem Erfolg, den ich anzustreben erhoffe, im Wege.“

    „Ich weiß nicht“, antwortete der Mann neben ihm. „Wenn die Umstände meines Lebens andere gewesen wären ...“, fügte er in Gedanken versunken hinzu.

    „Und du?“, wurde der Jüngste unter ihnen von seinen Begleitern gefragt. „Wann wirst du ein reicher Kaufmann sein und uns fürstlich bewirten?“

    „Lasst mich!“, entgegnete dieser mürrisch. „Ich benötige diese unnützen Güter nicht. Ich bin zufrieden mit meinem Leben, so wie es ist.“

    Schweigend gingen sie weiter, bis sich ihre Wege wieder trennten“, beendete Tathagata die Geschichte von den drei Bettlern.

    Gemurmel erhob sich unter den Schülern, bis Tathagata ihm Einhalt gebot.

    „Weise sprach nur der Ältere, verehrter Tathagata sprach Ananda, der den Meister seit drei Tagen jeweils um die Mittagszeit aufsuchte, um seinen Reden zu lauschen. „Er lebt im Einklang mit sich, seinem Leib. Sein Wesen ist für ihn wie ein offenes Buch; er kennt seine Stärken und Schwächen und diese Erkenntnis lässt ihn sein Dasein annehmen. Gefühle des Neides sind ihm fremd und Erwartungen an den Anderen hegt er nicht; er empfängt das ‘Jetzt’ mit Freude und handelt nur, wenn das Dasein es von ihm erfordert. Von der Sonne beschienen ist sein Pfad“, pries Ananda das Wesen des Älteren.

    „Du hast wahr gesprochen, Ananda“, sagte Tathagata. „Große Macht besitzt der Leib, und das Ich bin, das feine Ohren hat, sollte auf seine Worte hören und sein Dasein vertrauensvoll in dessen Hände legen. Der Leib umfasst das Ich bin liebevoll, hegt es wie eine zarte Pflanze und schützt es vor den Gefahren, die am Wegesrand lauern. Wohl dem, dessen Ich bin diese Weisheit besitzt.“

    „Sein Begleiter, der ihm an Jahren folgt, hadert mit seinem Dasein und ringt nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit den Verhältnissen, in die er hineingeboren wurde und unter denen er aufwachsen musste. Diese Umstände klagt er an, und anstatt die ihm innewohnenden Fähigkeiten zu entfalten und für ein Dasein einzusetzen, das sein ‘Ich bin’ sowohl mit sich selbst als auch mit seinem Leib aussöhnt, ergibt er sich dem blinden Wechselspiel jenes Pfades, den er für sich vorgezeichnet sieht und den er nicht verlassen kann, weil ihm der Glaube dazu fehlt oder in der Zeit der Jugend abhandengekommen ist.“

    „Gut erkannt“, lobte Tathagata den Jungen, dessen Gesicht vor innerer Spannung, wie die Sonne im Morgengrauen, in rötlichem Schein glühte. Große Macht besitzt der Ort unserer Geburt, aber so stark und unüberwindlich sie dem Ich bin auch erscheint, so begrenzt ist sie, wie die Strahlkraft der Sonne. Nicht der Stimme des Leibes lauscht dieses Ich bin, sondern dem Nachhall der Heimat. Wie ein Kind, das die Worte der Eltern wiederholt, weil es Gefallen an diesem Spiel findet, bemüht er für sein karges Dasein, seinen mit den Jahren angehäuften Berg der Unzufriedenheit, stets die Verhältnisse, die den Pfad seines Daseins, gleichsam wie ein reißender Strom sein Flussbett, mit jedem Schritt den er vorwärtsging, tiefer und tiefer eingrub, bis ihm der Wall zu beiden Seiten unüberwindlich erschien. Nicht dem besorgten Leib überantwortete dieser Mann sein Ich bin, sondern der Heimat, dem Vergangenen, und so rollt er durch sein Dasein wie ein losgetretener Stein, der polternd zu Tal stürzt.“

    „Selbstgenügsam ist der Jüngste, denn er bedarf der Güter des Kaufmannes nicht“, rief ein Wanderer, den der Zufall in den Hain verschlagen hatte.

    „Ja und nein“, erwiderte Tathagata. „Ja, weil er glaubt, Selbstgenügsam zu sein und nein, weil sein Neid, den er ohne Wissen in sich trägt und der, wie die Maus an den Wurzeln der Pflanze nagt, an seinem Wesen nagt, der Illusion seines Leibes unterliegt. Die Besorgnis des Leibes um das verwundete Ich bin erzeugte den Pfad der Illusion, damit dieser dem Ich bin Linderung verschaffe in seinem unbewussten Schmerz. So, wie das Kind den Geschichten der Alten lauscht und ihnen glauben schenkt, weil das Glück stets dem Bedauernswerten zur Seite steht, so glaubt das Ich bin bereitwillig der Illusion des Leibes; betrachtet sie als Selbsterkenntnis, gewonnen aus der eigenen Erfahrung. In Wahrheit ist die Illusion des Leibes nur eine schmale, zudem schwankende Brücke, zwischen dem Pfad des Leibes und dem des Ich bin. Sie erzeugt, indem sie ein umfassendes Gebilde des Wahns, der Illusion erzeugt, einen Pfad, den das Ich bin im Einklang mit seinem Leib beschreiten kann und der es im Dasein erhält.“


    Gesundheit und Zufriedenheit

    Tathagata

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