Neu Vernünft

  • Auszug aus dem Sachbuch 'Über das Wesen des Kosmos'.


    ‘Die Vernunft wird durch einen Hang ihrer Natur getrieben, über den Erfahrungsgebrauch hinaus zu gehen, sich in einem reinen Gebrauche und vermittelst bloßer Ideen zu den äußersten Grenzen aller Erkenntnis hinaus zu wagen und nur allererst in der Vollendung ihres Kreises, in einem für sich bestehenden systematischen Ganzen, Ruhe zu finden.’

    Das schrieb Immanuel Kant in seiner Schrift ‘Kritik der reinen Vernunft’, und bringt mit dieser Erkenntnis die Eigenschaft der Vernunft zum Ausdruck, der wir unsere schönsten und bedeutendsten Schriftzeugnisse verdanken. Erinnern wir uns nur der vielfältigen Schöpfungsmythen, deren mündliche Überlieferung vor Tausenden von Jahren erstmals in Keilschrift auf Tontafeln niedergeschrieben wurden. Ihre schöpferische Kraft fand Eingang in die Verkündungen der Propheten, der Philosophie der Antike, und spannt von dort ihren Bogen bis in die Neuzeit, zu den modernen Theorien der Kosmologie, Physik, Neurowissenschaften, um nur einige zu erwähnen. Nicht vergessen werden darf der Einfluss der Vernunft auf die Kunst, in deren Ausdruck und Deutung die ganze spekulative, sich selbst erkundende und übersteigende Eigenschaft ihres Wesens unmittelbar in Erscheinung tritt.
    Weshalb gerade die zwei Zitate am Anfang dieser Schrift stehen, hat folgenden Grund: Sie stehen synonym für den Beginn von Pfaden, die sich schnell verzweigen und bereits nach wenigen Schritten ein vielfältiges Geflecht bilden, dessen mögliche Wege oder Kombinationen unerschöpflich scheinen. Der erste Schöpfungstag symbolisiert den Kosmos, sein Wesen und dessen Entwicklung, die uns zu Immanuel Kant, dem Menschen und der Suche nach den Gründen seines Daseins führt. Beide Pfade – Kosmos und Mensch – sind so miteinander verknüpft, dass sie nicht getrennt analysiert werden können. Zum einen ist der Mensch Ausgangspunkt jeder Betrachtung, der Fragende und unter der Knechtschaft der Vernunft ein ruhelos Getriebener; im Gepäck das entscheidende Wort: ‘Warum?’ Diese Frage treibt ihn um und fort von sich selbst. Der Mensch wird zum Rufer in der Dunkelheit, den niemand hört, am wenigsten er sich selbst. Wahrheitssuchende sind Gefährdete, oft Verlorene, wie nicht nur Friedrich Nietzsche beweist. Sie wandeln am Abgrund, zwischen Erkenntnis und der inneren Ruhe, die der gefundenen Wahrheit entspringt, und dem ewig Fragenden, dessen vergebliche Suche sein Dasein zusehends beschleunigt, ihn bis zur rastlosen Hetze nach der Erlösung treibt, die stets in greifbarer Nähe scheint und ihm statt Wissen den Tod beschert.

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