Agentur Friedwald: Das etwas andere Unternehmen

  • Auszug aus 'Der neue Mitarbeiter'.


    „Sie haben in den letzten Jahren für ein Bestattungsunternehmen gearbeitet, Herr Klein. Was genau war Ihre Aufgabe dort?“

    Klein beugte sich vor, rutschte dabei vor Aufregung fast vom Stuhl, fing sich im letzten Augenblick, indem er sich am Schreibtisch festkrallte, lächelte entschuldigend und sang los: „Wir, mein Kollege Hubert und ich, holten die Entschlafenen ab … selbstverständlich mit dem Auto … wuschen die … äh … Körper und richteten sie her.“

    Wilfried war versucht die Augen zu schließen, sich das zugehörige Orchester vorzustellen und einfach dem Gesang zu lauschen. Stattdessen konzentrierte er sich auf den Neuen.

    „Sie … entschuldigen Sie“, stieß er jäh aus und hielt sich die Hand vor den Mund. Wilfried gähnte ausgiebig, summte im Geiste die letzten Takte aus Tristan und Isoldeund ließ dabei Wolfgang Klein keine Sekunde aus den Augen.

    „Hergerichtet? Größere Eingriffe oder, wie man sagt, das Übliche?“

    „Oh nein!“, flötete Klein entrüstet und schlug die Beine linkisch übereinander. „Wir haben die von uns Gegangenen nach allen Regeln der Kunst … wir tilgten jede Spur von Krankheit. Kein ungesundes Äußeres … wie eingefallene Wangen, tiefliegende Augen oder … Wir schufen blühende Wesen … nicht mehr Mensch, fast schon Engel, Herr Jünger.“

    Wilfried nickte andächtig.

    „Er spricht unsere Philosophie“, dachte er, „und wie schön er es ausdrückte: Nicht mehr Mensch, fast schon Engel. Das wäre ein Slogan“, überlegte er und schrieb ein gedankliches Memo an sich selbst.

    „Gut … schön, Herr Klein und welche Vorstellungen haben Sie von unserem Unternehmen, der Agentur Friedwald? Sie kennen unsere Themenparks?“

    „Ja!“, antwortete Klein und hob mit beiden Händen den linken Fuß vom rechten. „Knieverletzung“, meinte er lapidar, als er Wilfrieds Blick bemerkte. „Hubert ist letzte Woche, es war auch ein enges Treppenhaus, gestolpert und ich rücklings mit dem Sarg die Treppe hinunter gefallen. Als er mich auf der letzten Geraden überholte, schrammte einer der Griffe über besagtes Knie.

    Vor nicht allzu langer Zeit besuchte ich mit einem Freund der Familie den Themenpark Zoologischer Garten. Wirklich hübsch!.“

    „Hübsch?“, wiederholte Wilfried stirnrunzelnd. „Die Qualität unserer Mitglieder wird durch wissenschaftliche Exaktheit sowohl, was die Form wie auch die Farbgebung anbelangt, bestimmt. Neben diesen Kriterien zählt bei uns natürlich der ästhetische Ausdruck bei der Gestaltung der …“

    Klein hörte aufmerksam zu und Wilfried konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Neue die Grundsätze, die Leitlinien ihrer Behandlung Mitgliedern gegenüber, bereits verinnerlichte.

    Sichtlich erfreut fuhr er fort: „Eine natürliche und wirklichkeitsnahe Erscheinung ist unser erstes Anliegen, Herr Klein. Dabei fließen Beobachtungen, sozusagen das Vorbild der Natur, in unsere tägliche Arbeit mit ein. Sie verstehen?“

    „Völlig ihrer Meinung, Herr Jünger.“

    Klein zuckte mit dem Kopf, grinste breit und entblößte zwei Reihen blendend weißer Zähne.

    „Wie im richtigen Leben … Das bewunderte ich am meisten bei dem Besuch im zoologischen Garten. Er musste noch breiter lachen, während er sich gefährlich weit vorbeugte „Ehrlich gesagt, habe bei einem Ihrer Mitglieder nach einem Knopf im Ohr oder etwas Ähnlichem gesucht … irgendeinem Markenzeichen.“

    Wilfried sank die Kinnlade auf die Brust.

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